HEINER LÜRIG MACHT MUSIK

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Heiner Lürig
 

HRK: Bei meinem vierten Album „Ausnahmezustand“ hatte ich mit „Lola“ zum ersten Mal einen kleinen Radiohit. Peter Köpke, der damalige A&R-Chef der WEA, gab mir den guten Rat: „Du kannst auf jeden Fall mehr Erfolg haben, aber dann musst du das auch wollen. Und du musst auch schmerzhafte Einschnitte machen.“ Mir war klar, was er meinte: die Trennung von Mick Franke – Freundschaft und Beruf von einander zu trennen.

Wir spielten eine Tour, wo es, ohne dass das überhaupt die Band je argumentativ erreicht hätte, auch schon zu spüren war, dass es nicht weiterging. Die Band gruppierte sich auf der einen Seite der Bühne, und Mick stand allein auf der anderen Seite. Die kamen mit ihm musikalisch auch nicht mehr zurecht. An einem freien Tag der 84er Tour saßen wir in einem Hotel in Emden und guckten einen Rockpalast mit den Kinks und Klaus Lage. Der Gitarrist von Klaus Lage, Rocko, hat mich ziemlich beeindruckt. Da saß die ganze Band da in meinem Hotelzimmer, wir guckten das, dann sagte ich zu Mick: Ja, sowas möchte ich auch haben, so einen Gitarristen, der neben mir das so nach vorne trägt. Mick wusste ganz genau, dass er der Typ nicht sein konnte, der so Gitarre spielt und der so eine rechte Hand sein kann. Er sagte dann: „Na, das ist doch altmodischer Rockismus“ - um Worte war er nie verlegen. Da sind wir wirklich über Kreuz. Das ist nicht meine Meinung. Ich finde sowas gut, und nach sowas suche ich jetzt.

Heiner Lürig: Mein musikalischer Werdegang begann 1979, als ich mich entschlossen hatte, nur noch als Musiker zu arbeiten. Ich hatte Bernward Büker kennengelernt und mit ihm auch einen Vertrag bei der EMI Electrola erreicht. Dort traf ich Horst Lüdke, der als Produzent oder Co-Produzent aufgetreten und als Label- Manager tätig war. Ich hatte für ihn schon mehrere Dinge im Studio eingespielt. Er wusste also wie ich arbeite: Songs nicht nur zu schreiben, sondern sie in meinem kleinen 4-Spur- oder später 8-Spur-Studio auch vorzubereiten. Hinzu kam, dass ich ihn tatsächlich 1984 – als ich in einer Instrumentalband spielte – anrief und sagte, dass ich doch wieder mit einem Sänger arbeiten möchte. „Der sollte aber bitte richtig singen können“, denn zu der Musik, die ich vorbereitet hatte, passte kein Shouter, sondern eben einer, der auch Melodie singen konnte. Er machte mir zwei Vorschläge, u.a. auch Heinz.

HRK: Mit Peter Köpkes Rat im Kopf sprach ich mich Horst Lüdke, der von der EMI zur WEA kam. Er kannte verschiedene Gitarristen, hatte so ein Notizbuch, wo eben auch Heiner drin stand. „Ja, da sitzt einer in Hannover. Der hat im Moment Zeit und der ist auch vielseitig, schreibt auch. Du suchst ja auch einen, der wirklich komponiert“, während das bei Mick Franke nicht gegeben war. Das war eine Abmachung unter uns, dass er immer als Komponist mit genannt wurde, auch wenn er es de facto nicht war. Das führte mitunter zu Kuriositäten, z.B. dass er bei „Regen in Berlin“ als Co-Komponist drunter steht, obwohl er nicht mal mitgespielt hat. „Guck dir mal Heiner an und ich bringe euch mal irgendwie zusammen“, sagte Lüdke. Das passierte dann auch beim Rockpalast-Auftritt am 1. März 1985 in der Markthalle in Hamburg. Dort haben wir uns vorgestellt, etwas förmlich. Wir kannten uns ja gar nicht, haben aber dann schnell auch einen Termin gemacht nach dem Motto „ich komme nach Hannover, und dann schauen wir doch mal, was passiert.“ Und dann kam ich da in Heiners WG, wo er wohnte.

Heiner Lürig: Ich sagte „lass uns hier nicht lange irgendwie quasseln, sondern anfangen, und mal gucken.“ Heinz zog den „Fallensteller“-Text raus, ich setzte mich hin und fing an. Nach einer Stunde war der Song fertig.
HRK: Nachdem dieses erste Lied so schnell geklappt hat, habe ich auch nicht weiter gesucht. Ich habe die anderen Adressen bei der WEA nicht mehr abgefragt. Und ich dachte mir, das ist ja wirklich etwas völlig anderes. Denn Mick Franke – ich will nichts Schlechtes über ihn sagen; er war mein Freund und er ist es immer noch, auch nach dem Tode noch –, aber er hat immer nur reagiert. Ich komponierte und er spielte dann irgendwie mit... das war dann seine Co-Komposition. Dass jemand außerhalb meiner Person mit der Musik beginnt, das war für mich eben ganz neu nach etwas mehr als vier Jahren Arbeit. Wenn ich selbst komponiere, fange ich nie mit der Melodie an. Insgesamt gibt es nicht so viele Stücke von uns, wo die Musik zuerst da war. Über die Jahre kamen ein paar zusammen: „Dein ist mein ganzes Herz“, „Mit Leib und Seele“ und „Aller Herren Länder“. Meistens hat Heiner auch auf den Text gearbeitet. Er bekam einfach alle Songtexte in die Hand gedrückt und hat sich einen Stapel rausgesucht.

Heiner Lürig: Ich gehe bei der Auswahl nicht thematisch vor. Ein Text muss mich ansprechen. Wenn ich Worte nicht mag, möchte ich auch keine Melodie dazu machen. Das Versmaß muss mich erreichen. Ich muss mir vorstellen können, dass man den Text als Lied vorträgt. Und das kann ich mir bei einigen Songs gut vorstellen, Heinz dann wieder bei anderen.

HRK: Es war ganz ohne Frage die schwerste Trennung meines Lebens. Mick war wirklich ein Schulfreund, den ich nach einigen Jahren nach der Schule wiedergefunden habe und die kreative Zusammenarbeit ins Leben gerufen habe. Das ist mir wahnsinnig schwer gefallen. Ihm natürlich doppelt schwer. Er wurde quasi verabschiedet, und dann kam auch gleich der Erfolg.

Heiner Lürig: Ich war Mick Franke sehr dankbar, wie für Heinz alles sozusagen vorbereitet war, in welch einem Umfeld er sich bewegte. Das war alles professionell. Er hatte einen Verleger, er hatte eine Plattenfirma, die funktionierte. Das hat der Mann gut gemacht. Heinz war gut aufgestellt. Im Laufe der Monate schrieben wir schließlich 10 Stücke. Das komplette Album bis auf den späteren Titelsong „Dein ist mein ganzes Herz“. Dafür gab es noch einen weiteren Titel, „Hamburg um vier“. Auch wenn das Album schon ordentlich Substanz hatte, der WEA fehlte noch etwas. In dem Moment, als ich Heinz kennengelernt habe, habe ich mich noch nicht getraut, dieses Stück aus der Kiste zu holen. Denn da lag es bereits. Das was später „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde, war bereits länger vorbereitet. Die Musik gab es schon, und ich habe gedacht – nach so vielen Jahren kann man es einfach sagen –, naja, ich bin noch nicht sicher. Hinterher versaut Heinz es, dann ist der Song weg. Ich hatte vorher schon einen Versuch gemacht mit Bernward Büker. Er hatte da irgendetwas anderes drauf gesungen „Die Eisenbahn fährt mitten durch mein Bett“ oder so ähnlich.

HRK: Ich hatte von 1981 bis 1984 so eine Kultgefolgschaft. Diese Fans waren sehr loyal, ließen aber auch nichts anderes gelten und waren doch sehr einseitig orientiert. Für diese Stammhörer war diese Richtungsänderung schon ein Schock. Deswegen habe ich auch bei der Produktion im Sommer 1985 noch zu Conny gesagt: „Soll ich das wirklich aufnehmen? Meinst du, das steht mir und ich kann das überhaupt rüber bringen? Nimmt mir das irgendjemand ab?“ Dann sagte er: „Das sollst du machen. Du wirst sehen, das wird gut.“

Heiner Lürig: Ja, Conny Plank fand den Song super. In der Zwischenzeit hatten wir schon ein paar Live-Auftritte absolviert, bei denen wir dieses Stück gespielt haben. Dann hörten wir die Leute manchmal tuscheln: „Das soll es jetzt sein. Naja. Ich weiß ja nicht.“ So einige Schlaumeier eben, die schon immer gewusst haben, was gut und was schlecht ist. Die muss man jetzt auch noch überstehen, bis der Song tatsächlich fertig produziert und gut ist. Dann wird es das bringen. Aber auf dem Weg dahin haben viele Leute zu Heinz gesagt: „Das willst du jetzt machen? Das kostet dich dein ganzes Publikum“.

HRK: Bei der Produktion wurden wir allerdings von dem Erfolgsweg von Boris Becker, der zum ersten Mal Wimbledon gewann, aufgehalten. Wir mussten natürlich jedes Spiel sehen. Aber sein Erfolg hat uns auch irgendwie angespornt.

Heiner Lürig: Wir sind auf jeden Fall auch im Tischtennis besser geworden, denn bei Conny gab es diese legendäre Tischtennisplatte. Man musste ja gegen die Kollegen auch ein bisschen nach vorne kommen. Da gab es während der sechs Wochen Studiozeit exzellente Möglichkeiten. Anschließend war ich extrem gut im Tischtennis. Ist danach dann wieder schlechter geworden.

HRK: Es gibt Stücke wie „Madagaskar“, die durch Connys Produktion wirklich noch besser wurden als unsere Demos. Andere nicht – wie „Fallensteller“. Andere wurden anders – wie „Brennende Hände“. Aber er hat kein Stück schlechter gemacht als die Demos. Das ist schon viel wert. Das kann auch passieren. Naja, und dann haben wir das Album bei der WEA abgegeben, und kurz danach riefen sie an und sagten: „Die Mädels pfeifen das alle auf dem Gang. Das wird was.“

Heiner Lürig: Horst Lüdke ging durchs Haus und stellte kleine Schildchen auf. Auf jedem Schreibtisch stand „Kunze ist ein Single-Thema.“ - Das war für die etwas völlig neues, wahrscheinlich sowas wie „Eine Kuh kann fliegen.“

HRK: Der große Erfolg kam im Herbst 1985. Während wir bereits auf Tour waren, durfte ich zum ersten Mal erleben, dass die Meldungen eintrafen, dass wir wegen der Ticketnachfrage in größere Säle umziehen müssen. Das war mir neu. Die Tournee war aber noch gar nicht auf einen großen Erfolg ausgerichtet. Das musste kurzfristig improvisiert werden.

Heinz Rudolf Kunze über ausgewählte Songs des Albums

„Vertriebener“ ist einer der wenigen autobiographischen Songs. Heiner fragte mich damals immer wieder fassungslos: „Warum immer so viel Deutschland, warum immer so viel Hitler?“ Ich hätte damals schon sagen können: „Mach doch einfach mal das Fernsehen an. Er kommt jeden Tag im Fernsehen.“ Nein, aber das ist so ein Lied, wo man eben ganz bei sich ist, weil man da wirklich was auf die Weise abarbeitet, wie es Springsteen mit „Born in the USA“ gemacht hat. Das ist eben meine Art, mit meiner Herkunft umzugehen. Dann kam die Musik, und ich dachte zuerst immer an Gianna Nannini. Musikalisch schöner Italo-Gitarrenrock, der Appetit auf Pizza macht, einem diesen inhaltlich aber gleich wieder verdirbt.

Auch „Väter“ hat einen biographischen Hintergrund: Als ich in Afrika war, war meine Frau schwanger. Ich kam in einen Sandsturm und bekam wirklich Angst, dass ich da mit unserem Jeep nicht mehr rauskomme. Dann fragte ich mich wie das wohl wäre, als Vater in spe verschollen zu gehen und das Kind nicht mehr zu erleben.

„Die ist Klaus“ war ein typischer Ausfluss meiner Erfahrungen mit der Antiraketenbewegung und mit Demos, und dann habe ich mir über so einen von der Polizei eingeschleusten Störenfried Gedanken gemacht. Musikalisch war es wohl der Versuch, auf „I’m still standing“ zu antworten. Elton John war immer eine große Herausforderung und bei den Klavierstücken immer so eine Landmarke, wo ich mich irgendwie dran gemessen hat.

„Du wirst kleiner wenn du weinst“ ist nur auf den ersten Blick ein bitteres Liebeslied. Eigentlich war es ein Abschiedslied für Mick Franke.

Bei „Madagaskar“ musste ich Ähnliches erleben wie Randy Newman mit „Short People“. Es gab mal ein Ansinnen von irgendeiner Nazi-Plattenfirma, das Lied Original von einer Nazi-Band wieder aufnehmen zu lassen, weil die meine Aussagen wörtlich genommen haben und die Doppelbödigkeit einfach gestrichen haben. Es kam dann zum Glück nicht dazu. Die positive Seite ist, dass mir Ingo Appelt mal gesagt hat, dieses Lied hätte ihn zu einem politischen Menschen gemacht. Das hat mich sehr gefreut. Der Text am Ende des Lieds, „Tshotsholosa“, ist ursprüngliche ein Ghanaischer Worker-Song. Es gibt auch einen gleichnamigen Song des südafrikanischen Jazz-Musikers Todd Matshikiza. Mick Franke hat mir den immer vorgesungen. Übersetzt heißt es wohl soviel wie „Mach Dampf“. Wir haben uns eingebildet, so singt man auf Madagaskar.

„Brennende Hände“ zeigt Conny Plank gebrochenes, aber doch genießerisches Verhältnis zu Pomp. Er hat sich zwar oft drüber lustig gemacht, liebt es aber andererseits auch. Da wollte er eben dann auch richtig auffahren. Das Demo war in dieser etwas schlichteren Version auch sehr reizvoll.

Hamburg um vier

Heiner Lürig: Gut, Conny Plank mochte den Song nicht. „Nicht so schlimm, wir haben ja eine gute Platte zustande gebracht, dann kommt er auf die nächste Platte“, dachte ich mir damals. Wenn aber so ein Song einmal runtergeflogen ist, kann er ein Schicksal haben wie dieses Stück und es wird nie regulär veröffentlicht. Bei „Wunderkinder“ passte es nicht, auf die nächsten Platten auch nicht. Nur als wir es nach 10 oder 20 Jahren mal wieder ausgegraben haben, merkten wir schnell: „Wir müssen bescheuert gewesen sein! Warum haben wir denn das nie zu Ende gemacht? Das war wirklich eine geile Nummer.“

HRK: Zum Text... selbst erlebt. Im Zwick in Hamburg.